Kreativität heute: Inspiration und Recherche verschmelzen

8. Juni 2016 - 11:57
Kreativität heute: Inspiration und Recherche verschmelzen

Auf dem Nachbartisch liegt die PAGE. Anlehnend an das Titelthema “Kreative Recherche – Inspiration durch Information” entsteht dieser Beitrag – vom Cover inspiriert. Ich surfe im Netz, springe nebenbei durch die Artikel, lese, frage mich: Suche ich nach Inspiration oder recherchiere ich fokussiert? Oder ist das Inspiration durch zielorientierte Recherche? Eine Antwort finde ich in einem gleichnamigen und gleichdenkenden eDossier aus 2014. Als Download auf der PAGE Webseite abrufbar. Hier heißt es, dass Informationssuche und Ideenentwicklung zwei unterschiedliche Dinge seien, wohingegen sich Inspiration und zielgerichtete Recherche nur schwer trennen ließen.

Ich mag Verschmelzung. Ich mag die Antwort. Und konzentriere mich auf den zweiten Teil. Für LOOMspezifische Informationen bediene ich mich einer klassischen Recherchemethode und frage in die Runde: Was inspiriert die Köpfe in der Designabteilung und was die der Programmierer? Wie entstehen bei uns die kreativen Ideen? Woraus schöpfen die Mitarbeiter? Wie informieren sie sich? Was geht gar nicht? Und was ist ein absolutes Muss?

Stellvertretend für die Design-Abteilung stehen mir Mareike und Jule Rede und Antwort. Sie sitzen am Nachbartisch, am PAGE-Tisch. Behance, Pinterest, Instagram, Facebook, Spiegel Online, Google News, Niice, etc., pp. Beide bevorzugen die digitalen Medien, sind viel im Netz unterwegs, was offensichtlich der Tatsache geschuldet ist, dass Tastatur und Maus mit den Händen verschmolzen sind. Hinzu kommt: Es ist praktisch. Es geht schnell und es ist unfassbar aktuell, was digital passiert. Wenn Jule sich in eine Farbe auf einem Bild verliebt – so zum Beispiel neulich geschehen, als sie sich in das Blau eines Sommerrocks verguckt hatte –, dann greift sie schnell zum Colourpicker-Tool von Photoshop. Jule stibitzt. Und mischt die Beute-Farbe in ihre neuen Webseitenprojekte. Und: Jule darf das.

Gleichzeitig fallen mir Austin Kleon’s Buchtitel “Steal like an Artist” (empfohlen in der aktuellen PAGE von der Geschäftsführerin der Münchner Marken- und Design-Agentur Zeichen & Wunder), der die Kreativität des digitalen Zeitalters aufgreift ein und das Zitat von Picasso “Gute Künstler kopieren, große Künstler stehlen”. Und das hier: Für digitale responsive Projekte, in denen das Thema Nutzerführung – das Suchen und schnelle Auffinden von (komplexen) Inhalten – besonders wichtig ist (also für alle!), orientieren sich unsere Interface Designer gern an bereits bestehende Apps oder an gut angelegte Shops. Sie blicken auf Vorhandenes. Und ja, das, was gefällt und passt, wird erobert. Und um eigene Ideen ergänzt.

Auch Live-Erlebnisse werden als Inspirationsquelle genutzt. Neuestes Beispiel: die Nachtschicht 2016 – Berlin Design Night in Aufgang – B am vergangenen Freitag. Ebenso zählen die regelmäßigen Besuche in aktuelle Ausstellungen dazu – fußläufig von uns das gern frequentierte C/O Berlin. Vor allem aber sind es die intensiven Gespräche mit den Kollegen. In unseren offenherzigen Räumlichkeiten treffen die LOOMies auf die Designer von stoffers/steinicke oder die Architekten von rundzwei. Man gibt sich gegenseitig Impulse. Jeder Dialog ist eine Recherche für sich. Inspirierend sind auch die Erfahrungen aus eigenen, vergangenen Projekten: Hier lässt sich jede Beobachtung, jeder Ansatz neu interpretieren und weiter entwickeln. Jeder Code auch.

Womit wir bei den Programmierern wären. In der Entwicklungsabteilung sorgen große Tischinseln für offene Kommunikation und Inspiration. Und für den gegenseitigen Informationsaustausch. In der digitalen Drupal-Community stößt man sich gegenseitig an und inspiriert sich im Forum.

Gerade blättert Mareike in der PAGE. Sie informiert sich. Was gar nicht geht, ist gar nicht zu recherchieren. Insbesondere, wenn der eigene Input Voraussetzung für die Inspiration der anderen ist. Bei komplexeren Projekten verschmelzen die Disziplinen früh und befruchten sich gegenseitig. Sowohl das analytische Denken der Strategen als auch die Fragestellungen der Designer fließen in die Workshops mit ein, denn die Interface Designer sind es, die visuelle Lösungen finden müssen für die digitalen Aufgabenstellungen der Auftraggeber.

Ob intensive Recherche die Kreativität einschränkt, will ich zum Schluss wissen. Die Designer verneinen und verstehen die Recherche als Teil des gesamten Prozesses. Dass die zielbewusste Recherche irgendwann den eigenen Geistesblitzen Raum lassen muss, nehmen sich auch unsere Designer zu Herzen.

Letztendlich: Die Verschmelzung macht’s. Die Möglichkeit digitale und analoge Medien mixen und nutzen zu können, permanent im gegenseitigen Austausch stehen und die Kompetenz der anderen mit einfließen lassen zu können, macht die Recherche lässiger. Und die Inspirationsquellen reicher.

Silja Salih

Strategy & Communication